Loki, der Ränke schmiedende Sohn der Riesen Farbauti und Laufney, langweilte sich und streifte umher und hatte unheimlich Lust, etwas anzustellen.
Da sah er im Garten Sif, die Frau des Donnergottes Thor. Sie lag neben einem Baum und schlief. Ihr langes Haar, das goldgelb war, wie reifer Weizen, war offen und leuchtete in der Sonne.
Loki nahm leise sein Messer in die Hand und sah sich vorsichtig um. Niemand war da. Auf Zehenspitzen schlich er zu Sif, und ritsch-ratsch hatte er die schönen Haare abgeschnitten und steckte sie in die Tasche. Lautlos verschwand er.
Sif hatte nichts bemerkt – ruhig schlief sie weiter. Als sie aufwachte, stand sie auf und wollte sich die Haare flechten. Sie griff sich auf den Kopf: Was war das?
Sie schrie: „Meine Haare! Was ist mit meinen Haaren? Meine schönen, langen Haare! Weg!“
Immer wieder fuhren ihre Finger über den Kopf. Keine Haare! Vorne, hinten, auf den Seiten, nichts mehr! Nicht einmal mehr Stoppeln.
Sif rollten die Tränen über die Wangen. Sie schluchzte und jammerte, hielt die Arme über den Kopf und lief zu Thor. Der Donnergott war ganz entsetzt, wie hässlich seine schöne Frau aussah.
Er bekam einen wahren Götterzorn. In seinem roten Bart knisterte es. Wer konnte das gewesen sein? Nur Loki war im Garten!
Schäumend vor Wut ergriff er den Feuergott und schüttelte ihn: „Was hast Du getan? Warte nur! Ich zerbreche Dir alle Knochen!“
Aber Loki drehte und wendete sich. Er versprach Thor hoch und heilig, für Sif noch schöneres Haar zu bringen, als ihr eigenes gewesen war.
Thor schnaubte ihn an: „Das musst Du vor den Göttern versprechen! Dann lasse ich Dich frei.“
Der Donnergott, der viel stärker war als Loki, zerrte den um sich schlagenden Feuergott vor die Götter. Alle gingen zur Gerichtsstätte an der Weltesche Yggdrasil. Wotan und Froh waren die Richter, Thor der Kläger.
Nachdem sie lange beraten hatten, sprach Wotan: „Loki,wenn Du für Sif nach drei Wochen gleich schönes oder noch schöneres Haar bringst, als ihr eigenes war, sollst Du frei sein. Das Haar muss aber auf Sifs Kopf haften und wie ihr altes Haar wachsen.“
Loki versprach es und machte sich fröhlich auf den Weg. Er wusste schon, wer ihm die goldenen Haare schmieden konnte. Natürlich die Zwerge!
Er schlüpfte in einen Felsspalt und kam nach Schwarzalbenheim. Dort traf er bald drei Zwerge, die er kannte: „Hallo, Ihr Söhne meines Freundes Iwaldi! Könnt Ihr mir helfen?“
„Loki! Was tust Du in Schwarzalbenheim? Wozu brauchst Du unsere Hilfe?“
„Könnt Ihr lange, feine, goldene Haare schmieden und zaubern, dass sie richtig wachsen wie echte Haare?“
Die Zwerge überlegten: „Das können wir schon. Aber es ist viel Arbeit!“ – „Bitte“ – „Für Dich, Loki, tun wir es, denn Du hast uns schon oft mit Deinem Feuer geholfen. Wie lange haben wir Zeit?“ – „Zwei Wochen“ – „Gut, in zwei Wochen schaffen wir es.“
Loki kam nach einer Woche nachsehen. Die Haare waren bereits fertig.
„Wunderbar habt Ihr das gemacht. Und so schnell!“
Die Zwerge freuten sich über das Lob. Loki nützte das aus: „Nun habt Ihr noch eine Woche Zeit. Schmiedet mir bitte noch ein Geschenk für Wotan und eines für Froh.“ – „Auch das wollen wir tun.“
Nach einer Woche bekam Loki die goldenen Haare für Sif, den Speer Gungnir für Wotan und das Schiff Skidbladnir für Froh.
Der Speer Gungnir war ein Zauberspeer, der nie sein Ziel verfehlte, alles durchbohrte und immer wieder in Wotans Hand zurückkehrte.
Skidbladnir war ein Zauberschiff. Es war so groß, dass alle Götter in voller Rüstung darin Platz hatten, es hatte immer günstigen Fahrtwind, so dass es schnell segelte, wohin Froh es lenkte, über Wolken und Wasser. Brauchte er das Schiff nicht mehr, so konnte Froh es zusammenfalten wie ein Tuch und es in die Tasche stecken.
„Das habt Ihr sehr gut gemacht!“
Loki lobte die Zwerge nochmals, ergriff die Kostbarkeiten und machte sich auf den Weg.
Bevor er Schwarzalbenheim verlassen hatte, traf er den Zwerg Brokk. Loki war wieder übermütig und boshaft. Den braven Brokk wollte er ärgern.
„Hallo Brokk. Komm einmal her und schau! Das haben die Söhne Iwaldis für mich geschmiedet! So etwas kannst Du nicht!“
Brokk ärgerte sich wirklich: „Ich vielleicht nicht, aber mein Bruder Sindri! Er ist ein großer Künstler und schmiedet noch viel schönere Sachen!“ – „Das glaube ich nicht. Wollen wir wetten, Brokk? Ich sage, dass er es nicht kann!“ – „Und ich sage, dass Sindri es kann! Loki, die Wette gilt! Komm mit zu meinem Bruder. Schmiedet er noch größere Kostbarkeiten, dann habe ich die Wette gewonnen. Dann verlierst Du Deinen boshaften Kopf und ich darf ihn Dir abschneiden!“ – „Gut, Brokk! Ich nehme die Wette an! Gewinne ich, dann gehört Dein Kopf mir!“
Loki dachte: „Ich kann ruhig wetten. Auch wenn ich verliere, wird es mir nicht gleich das Leben kosten. Irgend eine Ausrede fällt mir gewiss ein. Aber sechs wertvolle Geschenke bekomme ich für die Götter! Das ist sehr gut. Dann sind sie nicht mehr böse auf mich und ich kann wieder tun, was mir Spaß macht!“
Laut aber sagte Loki zu Brokk: „Sindri hat aber nur eine Woche Zeit!“ – „Ja, das wird reichen! Loki, komm schnell zu meinem Bruder.“
Brokk erzählte nun Sindri von der Wette und dieser sagte: „Brokk, Du sollst die Wette gewinnen! In einer Woche sind die drei Kunstwerke fertig! Komm mit in die Schmiede!“
Loki versteckte sich und sah heimlich zu. Sindri legte eine Schweinsblase in die Esse und befahl Brokk: „Pumpe mit dem Blasebalg viel Luft in das Feuer, damit es hoch auflodert. So lange, bis ich das Schweinsfell aus der Esse genommen habe und höre ja nicht früher mit dem Blasen auf! Sonst ist das Kunstwerk verdorben.“
Brokk fasste den Griff des großen Blasebalgs mit beiden Händen und pumpte. Da verwandelte sich Loki in eine Fliege und stach Brokk in die Hände. Der Zwerg zuckte vor Schmerz. Aber er biss die Zähne zusammen, ließ die Fliege stechen und pumpte weiter.
Endlich sagte Sindri: „Genug“
Er nahm die Schweinsblase aus der Esse. Sie war zu einem Eber mit goldenen Borsten geworden. Sindri nannte ihn Gullinborsti.
Dann legte er ein Stück Gold in die Esse. Brokk musste wieder den Blasebalg betätigen und kaum dass er anfing, stach in die Fliege in den Hals. Trotz der Schmerzen pumpte er unermüdlich weiter, bis Sindri einen goldenen Ring aus der Esse nahm. Er nannte ihn Draupnir, den Träufler.
Als letztes legte Sindri ein Stück Eisen ins Feuer. Wieder schärfte er Brokk ein, ja nicht vorzeitig mit dem Pumpen aufzuhören.
Brokk pumpte und wieder kam die Fliege, setzte sich auf seine Stirn und stach ihm in die Augenlider, dass dem Zwerg das Blut in die Augen rann und er nichts mehr sehen konnte.
Ganz kurz ließ Brokk mit seiner Hand den Griff des Blasebalgs los und wischte die Fliege und das Blut weg. Aber der Blasebalg sank zusammen. Die Kraft einer Hand hatte nicht ausgereicht, ihn mit Luft zu füllen. Das Schmiedefeuer erlosch.
Zum Glück war Sindris Werk fast fertig. Er hob das Eisen aus der Esse. Es war ein starker Hammer. Lediglich der Griff war etwas zu kurz geraten.
Sindri gab nun den goldenen Eber, den Ring und den Hammer seinem Bruder Brokk.
Loki hatte heimlich seine natürliche Gestalt wieder angenommen. Er nahm das Haar, das Schiff und den Speer von den Söhnen Iwaldis. Mit diesen Schätzen kamen Brokk und er zu den Göttern.
Wotan und Froh setzten sich auf die Richterstühle, Thor stand neben ihnen.
Zuerst legte Loki seine Geschenke vor die drei Götter. Sie fanden alles wunderbar. Dann trat Brokk vor: „Loki und ich haben um unseren Kopf gewettet, wer die besseren Gaben bringe.“
Vor Wotan legte er den Ring Draupnir hin und erklärte: „Das ist ein Zauberring! In jeder neunten Nacht träufeln von ihm acht gleich kostbare Ringe.“
Für Froh stellte er den Eber hin: „Das ist der Eber Gullinborsti, der Eber mit den goldenen Borsten. Froh kann damit über den Himmel, durch die Wolken und auf der Erde reiten. Gullinborsti läuft schneller als das schnellste Wolkenpferd! Seine Borsten leuchten in der Nacht, so dass Froh immer den Weg sieht.“
Als letztes legte Brokk den Hammer vor Wotan und sagte: „Das ist der Hammer Mjölnir, der Zermalmer. Er soll dem Donnergott gehören. Auch er verfehlt nie sein Ziel, wie Gungnir, Dein Speer, und kehrt nach jedem Wurf von selbst wieder in Thors Hand zurück. Mjölnir ist so stark, dass er selbst Riesenschädel zerschmettern kann.
Wenn Thor aber wolle, so werde der Hammer so klein, dass er ihn in der Hand verbergen oder in die Tasche stecken könne. Der Stiel sei zwar etwas zu kurz geraten, aber mit seinen Eisenhandschuhen könne Thor den Hammer gut schwingen und schleudern.
Der Hammer besitzt noch eine andere Zauberkraft: Wenn Thor damit die Erde segnet, verwandelt sich Eisland in fruchtbaren Boden. Wenn er Mann und Frau während der Hochzeit – unsichtbar für die Menschen – mit dem Hammer berührt, wird es eine gute Ehe und eine glückliche Familie.
Nun, Ihr Götter, entscheidet, welche Gaben die kostbareren sind und wer die Wette gewonnen hat.“
Wotan und Froh fiel die Wahl schwer, da rief Thor: „Sifs Haar ist zwar wunderschön und ein echtes Kunstwerk, aber der Hammer ist weit wertvoller! Mit ihm kann ich die Menschen wirksam vor den Überfällen der Riesen schützen und vielleicht sogar die Midgardschlange besiegen. Ihr Götter, gebt Brokk und seinem Bruder Sindri den Preis!“
So hatte Loki trotz seiner Fliegenstiche die Wette verloren und sein Kopf gehörte dem Zwerg Brokk. Loki aber gab sich nicht geschlagen: „Brokk, nimm für meinen Kopf ein Lösegeld und lass mich leben!“ – „Nein! Dein Geld brauche ich nicht. Aber ich will Dein Leben, damit Du nicht mehr mit Deiner Bosheit uns Zwerge quälst!“ – „So nimm mich denn.“ rief Loki und schlüpfte in seine Schuhe, die ihn über Land und Meer trugen. Als Brokk nach ihm greifen wollte, war er verschwunden.
„Thor, halte Loki!“ Der Donnergott holte Loki bald ein und brachte ihn zurück. Brokk nahm sein Messer und wollte Loki auf der Stelle den Hals durchschneiden.
Loki schrie: „Den Kopf habe ich verwettet, aber nicht den Hals! Den Hals darfst Du nicht berühren!“ – „Nichts als Betrug und List hast Du in Deinem Kopf, Loki. Aber ich will Dir Deine lügenden Lippen zunähen, damit Du weder essen noch trinken kannst. Dann musst Du verhungern und verdursten und stirbst!“
Trotz Lokis Wehgeschrei nähte der Zwerg Loki die Lippen fest zu und wanderte zurück nach Schwarzalbenheim. Obwohl Loki die zerstochenen Lippen irrsinnig schmerzten, riss er sich die Naht wieder auf und lebte weiter.
Die Götter aber freuten sich über die Gaben der Zwerge. Wotan hielt mit seinem Speer Ordnung in der Welt, Thor schützte und segnete mit seinem Hammer die Menschen. Froh fuhr mit seinem Eber Gullinborsti über Himmel und Erde. Besonders im Winter, wenn die Sonne wenig Kraft hatte. Dann leuchtete der Himmel vom Schein der goldenen Borsten. Die Menschen wussten: Froh und sein Eber bringen Glück, Wärme und den Frühling. Damit man das Glück richtig greifen konnte, schenkten sie sich Glücksschweinchen in den längsten Winternächten.
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